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Kritiken:

Venezianische Dekadenz
Kabarettist Konrad Beikircher in Asschaffenburg

Um Konrad Beikircher einzuordnen, bedarf es keiner Schublade. Eher schon einer Schrankwand. Legen wir ab unter "literarisches Kabarett"? Oder unter "Liedermacher"? Wie wär's mit "Mundartdichter"? Klingt alles trefflich. Trifft aber nicht den Kern der Sache. Sache ist: Der Mann ist nicht einzuordnen. Seine Schublade muss erst noch gezimmert werden. Zuvor indes ein Behelfsvorschlag: Wie wär's vorläufig mit "Künstler"? Originell ist das nicht. Passend schon, wie das Publikum seines Programms "Notti e Ricordi" sicher bestätigen würde.
Konrad Beikircher war bei seinem jüngsten Auftritt im Aschaffenburger Hofgarten vor allem eines: Beikircher. Und dies in vollen Zügen: Er philosophierte und psychologisierte, "moserte" im Wiener und parlierte im rheinischen Dialekt, griff zu Geige und Gitarre, war mal Qualtinger, mal H.C. Artmann, blieb dabei aber eben immer: Beikircher. Der Wortschatz des Deutschen müsste, Konrad Beikircher angemessen würdigend, um ein Verbum erweitert werden: Das "Beikirchern". Einer "beikirchert", wenn er an einem Abend so ziemlich alle Kleinkunst-Formen durchdekliniert. Beim "Beikirchern"zuzusehen, zuzuhören ist amüsant, faszinierend, kaum vergleichbar. Lachen kann man auch, wenn einer "beikirchert". Dies aber vergleichsweise selten.
Warum das? Nun, "beikirchern" ist nicht eigentlich komisch. Da erzählt einer von seinen Nächten in einem Bozener Internat, mitten unter Franziskaner-Mönchen, und wie er sich darüber zum "Bonsai-Sokrates" entwickelte. Und erzählt von den Internatsbewohnern, die sich gegenseitig imaginierte Geschichten von "draußen" erzählten. Und erzählt von schweißnassen Händen und eregierten - Ohren.
Und nennt dann den Grund, warum er das folgende Lied, das von seiner Jugenzeit kündet und "Notti" heißt, auf italienisch singt: Weil es die Sprache ist, in der sich die Bozener Jugendlichen in den Internats-Kammern diese Geschichten von "draußen" erzählten. Aus Protest. Gegen das Deutsche. Oder besser: gegen das vorgeschriebene Deutsche.
Und dann singt Beikircher tatsächlich, auf italienisch. In einer Mischung aus Paolo Conte und Lucio Dalla - als italienischer "Cantautore" also: erdig, sinnlich, mit aufregend männlichem Timbre. Beikircher singt sich seine Sehnsucht aus der Seele. Singt davon, einmal der nichtsnutzige Schürzenjäger aus der italienischen "Commedia dell' arte" sein zu wollen, ständig auf der Suche nach der nächsten Frau und dem nächsten Glas Wein. Wird dabei begleitet von Matthias Raue und Tom Schlüter an Klavier und Mandoline, die venezianische Dekadenz verströmen. Und berichtet anschließend - zu sich selbst und in die regnerische Aschaffenburger Nacht zurückgekehrt - von seinen fünf Kindern. Und davon, wie er seinen Küchenboden von Zuckerguß-Cornflakes ("der Sekundenkleber der Küche") säubert.
Komisch ist das wirklich nicht. Poetisch schon. Und manchmal sogar traurig: Etwa wenn Beikircher von seinen einsamen Nächten als Referent einer katholischen Fortbildungsakademie in Schwerte ("direkt nach Wuppertal, Richtung Weltende") erzählt. Und seinen Erfahrungen mit "le centro della 'Fußgängerzone' tedesco". Und seinen hilflosen Versuchen, mitten in Schwerte - ein von Nonnen am Vortag geschmiertes Käsebrötchen in der Hand - in einer italienischen Trattoria auch nur einen Hauch von Sinnlichkeit zu spüren.
Lachen kann man also nicht oft, wenn einer "beikirchert". Staunen schon. Beikircher begeistert.
von Olaf Przybilla
Die babylonische Katastrophe
Konrad Beikirchers Butterfahrt durch die Sprachlandschaft Deutschlands

Der Satz: "Beikircher - kenn' ich nicht" zählt zu jenen niederrheinischen Party-Schockern, die einen schnell einsam machen. Dem Kabarettisten begegnen die Menschen dieser Region seit Jahren mit einer aberwitzigen Verehrung, die sich in hysterischem Gelächter schon beim Luftholen des Meisters äußert. Trotz aller bizarren Erscheinungen am Rande eines Abends mit Konrad Beikircher - die Welt mit seinen Augen zu sehen hat seinen Reiz. Beikircher braucht weder Requisite noch Mitspieler - am besten ist er, wenn Bühne und Mikrofon ihm allein gehören. Das zumindest ist die Meinung.
von Gisela Südbeck
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07.09.2010 20.00Uhr Kabarett: "Am schönsten isset, wenn et schön is!" Opladen Scala Club Tickets: 0214/40 64 113
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